Wieder einmal bin ich in der Situation, mich in einem neuen Job und einem neuen Team einzufinden. Ein mühsamer Prozess: Unzählige Dokumente und Leitfäden wollen durchgeackert, Ablagesysteme verstanden, Handlungsabläufe verinnerlicht werden. Alles, bevor es auch nur einen Schritt in Richtung der eigentlichen Arbeit geht.
Eigentlich bin ich hier, um zu kochen. Aber bevor das losgeht, muss ich erst lernen, wie der Herd funktioniert. Mit wie vielen Umdrehungen die Umluft bläst. Nach welchem System Kartoffeln und Zwiebeln gelagert werden. Welche Inhaltsstoffe Allergien auslösen. Und dazu noch alle neuen Namen und Gesichter im Team. Ich bin nicht wirklich Koch. Aber mit Namen habe ich wirklich ein Problem. Paradox, wenn man eigentlich mit Menschen arbeitet.
Wie dem auch sei. Das ist gerade eine sehr fordernde, spannende und zugleich unglaublich langweilige Zeit. Eine Zeit, in der ich ständig zwischen den Gefühlen, gut aufgehoben und völlig unfähig zu sein, schwanke. Eine Zeit, in der ich am Drucker scheitere und schwitzende Hände bekomme, wenn ich den Namen der Kolleg:in gegenüber erst einmal heimlich im internen Telefonbuch suchen muss, um größere Peinlichkeiten zu vermeiden. Gleichzeitig sauge ich unglaubliche Mengen an Information in mich auf. Was davon wirklich hängen bleibt, bestimmt mein Hirn. Oder der Zufall. Meist sind es die Fun Facts, die sonst niemanden interessieren. Und in dieser Umgebung des Neuseins, in der alle anderen all das können, woran man selbst täglich scheitert, fühlt man sich – fühle ich mich – erstaunlich schnell als Scharlatan. Als einer, der hier nicht dazugehört. Der seine Unfähigkeit beim Bewerbungsgespräch nur recht gut kaschieren konnte.
Die Mühen der Ebene
Bevor ich hier angefangen habe, hatte ich einen anderen Job. Auch nicht in der Gastro. Auch mit Menschen. Anfangs fühlte es sich dort ziemlich genau so an. Ein Raum voller Unsicherheiten und Selbstzweifel. Unangenehm. Anstrengend. Und doch irgendwie aufregend. Mit der Zeit wurde ich besser. Ich wusste, was mir lag und wo ich Unterstützung brauchte. Ich kannte die Abläufe und die Menschen. Hier und da konnte ich mich profilieren. Ich fühlte mich zwar trotzdem noch wie ein Scharlatan, aber ich hatte einen gewissen Vertrauensvorschuss aufgebaut. Eine erstaunlich harte Währung in der Arbeitswelt.
Während es am Anfang zu liefern gilt, um zu zeigen, dass man liefern kann, ist es später auch okay, einfach einmal auszusetzen. Einen Termin verschieben. Sagen: „Das mach ich morgen.“ Irgendwann gehen die einzelnen Tätigkeiten in einen Flow über. Sie werden leicht. Zur Routine. Man wird handlungsmächtig. Ein gutes Gefühl. Und gleichzeitig mitunter unerträglich fad. Je weiter ich auf meinem Flow dahinsurfte, desto mehr begegnete ich der Fadesse. Routinen sind Gold wert – und unerhört langweilig.
Nach den Mühen der Höhen folgen so wohl die Mühen der Ebene. Oder so ähnlich.
Und wenn ich genauer darüber nachdenke, wiederholte sich diese Geschichte bei mir nun schon mehrere Male.
Ein bunter Lebenslauf
Bei meiner letzten Bewerbung wurde ich irgendwann darauf hingewiesen, dass ich einen recht bunten Lebenslauf habe. Viele Brüche, viele Wechsel, unterschiedliche Studien und Jobs. „Bunt“ ist dabei ein geflügeltes Wort. Es klingt nach Vielfalt und Offenheit. Nach jemandem, der unterschiedliche Erfahrungen gesammelt hat und sich nicht davor scheut, neue Wege zu gehen. Gleichzeitig ist es unglaublich anstrengend, all diese Farben zu sammeln. „Bunt“ meint damit auch: nie so ganz ins Bild zu passen. Immer in Gefahr einen Farbton zu erwischen, der uns grell blendet und das ganze Kunstwerk zerstört. „Bunt“ meint in meinem Fall: eine Sammlung von Neuanfängen.
Diese Feststellung war mir natürlich nicht völlig neu. Ich hatte meinen Lebenslauf selbst geschrieben und war inzwischen auch irgendwie stolz darauf. Trotzdem war er plötzlich da. Der Moment, in dem ich schon seit dem Mittagessen mit Schnittlauch am Schneidezahn herumrenne. Und erst jetzt sagt es mir wer. Ein hartnäckiges Detail, das nicht so einfach weggeht. Ein Umstand, von dem man den Blick nicht mehr abwenden kann, sobald man ihn bemerkt hat.
Warum mache ich das eigentlich immer wieder?
Warum wird mir ein neuer Job so schnell langweilig?
Warum brauche ich Routinen, um nicht am Alltag zu zerschellen, und warum zerschelle ich erst recht an den Klippen der Fadesse, sobald ich die Routine habe?
Immer wieder der Neue
Lange Zeit habe ich versucht, meine Wechsel als einzelne Entscheidungen zu betrachten: Dieser Job war halt nichts. Das Studium nicht das Richtige. Dort waren die Rahmenbedingungen schlecht. Hier gab es nichts Spannendes zu tun. Das nächste Projekt klang einfach interessanter.
Und vielleicht stimmte das sogar alles.
Aber irgendwann entsteht aus einer ausreichenden Anzahl plausibler Einzelentscheidungen ein Muster. Und das Muster sieht bei mir ungefähr so aus: Neues beginnen. Überfordert sein. Sich hineinarbeiten. Besser werden. Routinen entwickeln. Sicherheit gewinnen. Sich ein bisschen weniger wie ein Scharlatan fühlen.
Vielleicht ist es nicht einmal nur die Langeweile. Vielleicht ist es auch der Selbstwert. Ein Job, in dem ich mich auskenne, kann ja nicht besonders schwierig sein. Vielleicht sollte ich mir lieber etwas suchen, wo ich mich beweisen muss. Etwas, an dem ich wachsen kann. Oder etwas, das beweist, dass ich Recht hatte, mich als Scharlatan zu fühlen.
Klingt nicht mal ganz unvernünftig. Gesellschaftlich ist es durchaus angesehen, sich Herausforderungen zu suchen. Man soll sich entwickeln. Seine Komfortzone verlassen. Neue Ziele setzen. Sein Potenzial ausschöpfen. Jedenfalls nicht stehen bleiben. Stillstand und Fortschritt passen nicht zusammen. Aber vielleicht steckt dahinter auch ein Denkfehler. Vielleicht ist Sicherheit nicht das Gleiche wie Unterforderung. Vielleicht schafft Routine Raum für Unbekanntes. Für Spannendes. Und trotzdem. Sobald ich mich einigermaßen eingerichtet habe, beginnt irgendwo im Hintergrund wieder dieses leise Knistern.
Job-Verteiler anklicken. Zu träumen beginnen. Dieser Job wäre halt schon auch interessant. Vielleicht mit Kindern. Vielleicht mit Tieren. Vielleicht irgendwo, wo man mehr draußen ist. Vielleicht etwas ganz anderes. Vielleicht einmal auf dem Kopf stehend. Irgendwas gibt es immer. Irgendwas, das neu und spannend klingt.
Irgendwie eine gute Eigenschaft. Neugier. Veränderungsbereitschaft. Resilienz? Andererseits aber auch ziemlich anstrengend. Denn der Anfang ist nicht nur spannend. Er ist auch teuer.
Wer bezahlt den Neuanfang?
Nicht nur ich bezahle den Neuanfang. Das ist vielleicht der Teil, über den ich am wenigsten nachdenke, wenn ich wieder einmal eine interessante Stellenausschreibung sehe. Vielleicht bezahlt auch meine Familie dafür, dass ich mein Bedürfnis nach Herausforderung mit Selbstverwirklichung verwechsle.
Ein neuer Job bedeutet für die Familie zunächst einmal: weniger Sicherheit. Wenn man eine:n Partner:in hat, die:der einen unterstützt, liegt die Hauptlast in den ersten Wochen eines neuen Jobs oft stärker bei ihr:ihm. Urlaub muss neu verhandelt werden. Betreuungszeiten müssen angepasst werden. Später anfangen, früher gehen, einmal spontan einen Termin übernehmen – all diese Dinge werden leichter, wenn man schon ein gewisses Standing hat.
Wenn man neu ist, ist man vorsichtiger. Man möchte schließlich nicht am dritten Tag erklären, dass man am Mittwoch gerne früher gehen würde, weil zuhause ein Kind abgeholt werden muss. Nicht, weil das objektiv ein unvernünftiges Anliegen wäre. Sondern weil man selbst noch nicht weiß, wie die anderen darauf reagieren. Man duckt sich ein bisschen. Und liefert. Solange, bis alles runder läuft. Bis man die Routinen kennt. Bis man die Namen kennt. Bis man weiß, wie der Drucker funktioniert. Bis man nicht mehr bei jedem neuen Problem darüber nachdenken muss, ob das Problem gerade beim System liegt oder bei einem selbst. Bis man ein gewisses Standing hat.
Und dann beginnt das Ganze von vorne.
Bis die Routine funktioniert
Vielleicht ist das der eigentliche Witz an der Sache: Ich wünsche mir Routinen. Ich brauche sie. Sie entlasten mich. Reduzieren Entscheidungen. Machen aus hundert kleinen Fragen eine Sache, die man einfach tut. Sie geben mir das Gefühl, den Alltag im Griff zu haben. Und wenn das irgendwann funktioniert, wird es langweilig. Nicht immer. Aber oft genug. Dann beginnt irgendwo im Hintergrund wieder dieses leise Klicken. Eine neue Idee. Ein neuer Job. Ein neues Projekt. Ein anderer Weg. Ein anderes Leben – das zwischen Stellenanzeige und Tagtraum erstaunlich viel besser zu funktionieren scheint als das gegenwärtige.
Seit einiger Zeit gehöre ich zur Gruppe der spätdiagnostizierten Menschen mit ADHS. Vielleicht ist das Geschilderte ADHS. Vielleicht ist es auch einfach nur meine Persönlichkeit. Vielleicht auch eine Mischung aus beidem.
Das Schöne an einer Diagnose ist ja, dass sie einem manchmal Antworten gibt. Das Schwierige ist, dass sie gleichzeitig neue Fragen produziert. Vor der Diagnose war mein Lebenslauf einfach mein Lebenslauf. Ein bisschen bunt vielleicht. Ein bisschen chaotisch. Eine Reihe von Entscheidungen, Zufällen und Umwegen. Der Schnittlauch hat mich darauf gebracht, dass sich dahinter vielleicht auch ein Muster verbirgt. Zum Schnittlauch hat sich nun auch ein Mohnkorn gesellt. Jahrelang hat mich niemand darauf hingewiesen. Und jetzt stehe ich vor dem Spiegel und kann meinen Blick davon nicht mehr abwenden.
Und so sitze ich wieder in einem neuen Job. Lerne Namen. Ablagen. Interne Codes. Versuche herauszufinden, wie das hier funktioniert. Ich bin gespannt, wann ich ihn beherrschen werde. Ich fürchte mich davor, als Scharlatan aufzufliegen. Und ich frage mich: Was werde ich wohl als Nächstes langweilig finden?
